Ein Abend am See, drei Menschen, WeiĂwein trinkend, im angeregten GesprĂ€ch: Unverhofft findet sich der 72-jĂ€hrige Helmut in einer platonischen MĂ©nage-Ă -trois wieder. Just als er sich wieder einmal der LektĂŒre des »Werther« widmet, dem literarischen Bezugspunkt fĂŒr unglĂŒckliche Liebesgeschichten schlechthin, begegnet er erneut seiner groĂen Liebe aus lang zurĂŒckliegenden Studentenzeiten. Was nach einem wehmĂŒtig verlaufenden Abend klingt, fĂŒhrt jedoch zu innerer KlĂ€rung und groĂer Leichtigkeit. Im GesprĂ€ch mit Veronika, einer Literaturwissenschaftlerin, und ihrem Mann, einem Kunsthistoriker, eröffnet sich dem ErzĂ€hler ein neuer Blick auf Die Leiden des jungen Werthers. Im Lauf dieser Auseinandersetzung wird ihm klar, wie narzisstisch geprĂ€gt Werthers Liebe und die eigenen Leiden als junger Liebender waren. Zu einem kĂŒnstlerischen und intellektuellen Bezugspunkt wird im GesprĂ€ch des Trios die Malerei von Henri Michaux (1899â1984). Der KĂŒnstler stellte sowohl die Einzigartigkeit des Individuums, aber auch ein von narzisstischen Spiegelungen befreites zwischenmenschliches VerhĂ€ltnis in den Mittelpunkt seiner Kunst. In seinen Werken kommt es zur »Gemeinschaft der Heiligen«. So wird Eberhard Geislers ErzĂ€hlung nicht nur zu einem intellektuellen LesevergnĂŒgen, sondern auch zu einer wunderbar berĂŒhrenden ErzĂ€hlung ĂŒber das Wesen der Liebe, die Kraft der Freundschaft und den Gewinn an Gelassenheit, den wir mit den Jahren erhalten können.
Eberhard Geisler, Jahrgang 1950, ist Literaturwissenschaftler, Autor und Kritiker. Bis 2017 war er als Professor am Romanischen Seminar der Johannes-Gutenberg-UniversitĂ€t Mainz tĂ€tig. Eberhard Geisler war als Literaturkritiker fĂŒr verschiedene Tageszeitungen tĂ€tig. Er veröffentlichte zahlreiche literaturwissenschaftliche Studien, u.a. »Henri Michaux. Studien zum literarischen Werk« (Metzler 1992), sowie Notizen »Mikronotizen« (Kadmos 2017), »Literarische Scherflein. Notizen« (Passagen 2019) und Essays »Musikalisches Opfer« (Passagen 2024). Im Gans Verlag erschien der Essay »Taubes, Novak, Beese. Drei Frauen und die Entscheidung der Schrift«



