Der Gedichtzyklus erzählt von zwei parallelen Erkundungen: der archäologischen Ausgrabung des mittelalterlichen jüdischen Viertels in Köln und der Suche der Autorin nach der Bedeutung ihrer jüdischen Herkunft. Während das jüdische Viertel Kölns im Jahr 1349 durch einen Pogrom zerstört wurde, erfuhr die Autorin ihre jüdische Identität zunächst vor allem durch Ausgrenzung: Ihr Vater, Überlebender der Shoah, musste seine polnische Heimat 1968 aufgrund einer antisemitischen Kampagne verlassen. Tastend, die Bedeutungs- und Zeitschichten der Sprache abklopfend, spürt sie der Resonanz nach, die historische Dokumente, archäologische Funde und abgebrochene Erzählungen in ihr hinterlassen. Von der Ballade bis zum Sprachspiel, von der Fundpoesie bis zum historisch-narrativen Langgedicht: Vielstimmig komponiert, spiegelt der Band die Vielfalt jüdischen Lebens durch die Jahrhunderte. Der 7. Oktober 2023 prallt in diese behutsame Annäherung und zwingt die Sprecherin, eine neue Sprache für eine bisher unbekannte Identität zu finden.
Agnieszka Lessmanns Gedichtzyklus korrespondiert mit dem Band „Das verschwundene Viertel“ von Frank Olbert und bildet mit diesem zusammen ein publizistisch-ästhetisches Projekt, das sich der jüdischen Historie Deutschlands auf originäre Weise nähert.
Agnieszka Lessmann, aufgewachsen in Polen, Israel und Deutschland, lebt als freie Schriftstellerin in Köln. Sie ist Autorin von acht Hörspielen und wurde für den Prix Europa und mehrfach für den Hörspielpreis der Kriegsblinden nominiert. Im Jahr 2020 erschien unter dem Titel »Fluchtzustand« ihr erster Lyrikband und 2025 ihr Debütroman „Aga“. Ihre Gedichte und Erzählungen wurden in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht. Ihre Arbeit wurde mit zahlreichen Stipendien gefördert, zuletzt mit einem Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds.





