Leben und Sterben sind nicht so voneinander verschieden, wie wir es in unserer Lebenswirklichkeit wahrnehmen. Wenn wir lebendig sein und unser Leben gestalten wollen, müssen wir von ihrem festen Unterschied ausgehen. Die existentielle Erfahrung des Sterbens eines Kindes macht diese Unterscheidung aber flüssig. Sie schafft eine Zwischenwelt, eine, die wir leben müssen, während ein Kind stirbt. Eigentlich, so Hegel, ersterben Eltern in ihren Kindern, wenn sie ihre Aufgabe, zu zeugen, zu lieben und zu bilden, erfüllt haben. Das ist der natürliche Ablauf der Generationen. Im Fall der kleinen Texte des vorliegenden Buches, Texte, die man auch Gedichte nennen kann, sehen wir eine verkehrte Welt: denn Kinder dürfen nicht vor ihren Eltern sterben.
Der erste Teil der Gedichte entspringt dem Alltag eines eigentlich gesegneten Lebens. Im zweiten Teil bricht dieser Alltag schicksalhaft ein. In ihm wird versucht, das Sterben eines Kindes zu verstehen, also etwas zu verstehen, was kaum zu verstehen ist und eigentlich auch nicht verstanden werden will. Eine existentielle Erfahrung, wie es die Konfrontation mit dem Tod ist, in eine sprachlich reflektierte und verdichtete Form zu bringen, hilft, das Sterben eines geliebten Menschen in der durch den Tod bemessenen Zeit auszuhalten, es zu ertragen und sich dabei selbst zu erhalten.
Vielleicht gibt es Menschen, die sich in den Gedichten wiederfinden können. Unsere gemeinsame Sprache hilft und heilt, weil sie auch das fasst, was unfassbar zu sein scheint: das Sterben und die Unwirklichkeit des Todes.
Erich Thies, aufgewachsen in Niedersachsen, war Rektor der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er schrieb über Ludwig Feuerbach und veröffentlichte zuletzt „Dialog mit den Dingen“, Essays zu Werken des Bildhauers Franz Bernhard (modo, 2016). Thies lebt in Heidelberg.





