der umriss der brücke

Keith Waldrop |  Gedichte 

Erneut begegnen wir Waldrops geschicktem Montieren verschiedener Verfahren, wenn Prosastücke und Gedichte verflochten werden; und nun konsequent überschwappen. Diese Gedichte transportieren uns von einem Ort, einer Szene, einer intensiven Empfindung zur Nächsten, und nehmen die Schleife später wieder auf, um das zwischenzeitlich Erfahrene beizuknüpfen.


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Gutleut Verlag
Erscheinungstermin: 2023
Broschur mit Plakatumschlag
136 Seiten | 978-3-948107-61-1

29,00 

»ÜBER DIE JAHRE HABE ICH UNAUSGESPROCHENEN, VIELLEICHT UNBEWUSSTEN URTEILEN ERLAUBT, ZU BESTIMMEN, WAS ICH LESEN WERDE UND WAS NICHT. OHNE DES EINEN ODER ANDEREN ARBEIT IN FRAGE ZU STELLEN, HÖRE ICH AUF, NACH MEHR TEXT VON IHM ZU SUCHEN. ABER ICH WERFE BESAGTE BÜCHER NICHT WEG, ICH NEHME SIE EINFACH NICHT MEHR ZUR HAND, UND SCHAUE NACH ANDEREN.«

Den »Philosophen unter den Autoren seiner Generation« nannte Nico Bleutge seinen Kollegen Keith Waldrop in einer Besprechung der »gravitationen« für die Süddeutsche Zeitung. Kein anderes Buch bestätigt dieses Urteil besser als Der Umriss der Brücke. Erneut begegnen wir Waldrops geschicktem Montieren verschiedener Verfahren, wenn Prosastücke und Gedichte verflochten werden; und nun konsequent überschwappen. Diese Gedichte transportieren uns von einem Ort, einer Szene, einer intensiven Empfindung zur Nächsten, und nehmen die Schleife später wieder auf, um das zwischenzeitlich Erfahrene beizuknüpfen. Keith Waldrop fragt, wie unter den gegebenen Umständen einer konsternierten, entzauberten Moderne noch so etwas wie Transzendenz denkbar sein kann. Oder zumindest: Wege der Überschreitung. Von den titelgebenden Brücken träumt er einerseits als Gegenstück zur Mauer. Können wir uns selbst überschreiten und etwas Höherem begegnen oder treffen wir doch immer nur auf Grenzen? »Im Traum geht man oft durch Mauern, aber nicht durch diese, weil sie eine Traummauer ist, undurchlässig für Träumer«, schreibt er. Auf den Höhen- oder Tiefenflug in Seele und Kosmos folgt, typisch für den Autor, eine Kontrastierung mit dem Alltäglichen, der er gleichwohl mehr abzutrotzen weiß als die bloße Diagnose dessen, was notgedrungen ist. War der heimliche Protagonist von Das Prinzip der Lokalität eine Katze, so ist es nun, nicht minder unerwartet, aber angesichts von Waldrops Glauben an Ironie und Umdrehung folgerichtig: ein Backenzahn, der eine Brücke gut vertragen kann. Was diesen Band zusammenhält, ist nicht etwa die klare Beantwortung einer metaphysischen Frage, auf die alle Gedichte klimatisch hinsteuern würden, sondern die Wiederholung von Zahnarztbesuchen, die darüber nachdenken lassen, ob aus Schmerz Heilung und aus Tod Wiedergeburt erwachsen kann, oder wir nicht anders können, als wiederholt anders formulierte Fragen und neue, minimal veränderte Antworten an die immerselben Gegenstände zu stellen. So muss auch die stete Arbeit an einer Geisterschichte scheitern, weil es sich für Waldrop als unmöglich erweist, »jemals den Höhepunkt zu erreichen, geschweige denn, zu einem Ende zu kommen.« Und so sieht sich auch das unentwegt streitende ältere Paar in der Nachbarschaft in einer Endlosschleife der immergleichen Abläufe von Vorwürfen und Androhungen gefangen. Vielleicht, so wäre Waldrop zu verstehen, müssen wir Überschreitung nicht in der Vertikale der Vergangenheit oder der Zukunft suchen, auf die alles hinsteuert oder von der alles fortrennt, sondern in einer Vermischung von Vergangenheit und Zukunft: »Ich versuche mich zu erinnern, was ich sein werde.«

das eigentliche problem

das prinzip der lokalität

Keith Waldrop, geboren 1932 in Emporia, Kansas, und 2023 gestorben in Providence, Rhode Island, war Dichter, Übersetzer, Künstler und Hochschullehrer. Er studierte an der Aix-Marseille Universität sowie an der Michigan Universität, wo er 1964 einen PhD in Vergleichender Literaturwissenschaft erwarb. Ab 1968 unterrichtete er an der Brown Universität, Providence. Im selben Jahr erschien sein erster Gedichtband A Windmill Near Calvary, der für den National Book Award nominiert wurde. Neben zahlreichen eigenständigen Lyrik- und Prosaveröffentlichungen (u. a. wurde sein Gedichtband Transcedental Studies: A Trilogy 2009 mit dem National Book Award in Poetry ausgezeichnet) übersetzte er mehrere französische LyrikerInnen, etwa Anne-Marie Albiach, Claude Royet-Journoud, Edmond Jabès und Charles Baudelaire, wofür ihm im Jahr 2000 der Ordre des Arts et des Lettres des französischen Kulturministeriums verliehen wurde.  Seit 1971 zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen seines bildnerischen Werkes. Gemeinsam mit seiner Frau Rosmarie Waldrop gründete er 1961 den Verlag Burning Deck, bei dem sowohl experimentelle Lyrik aus den USA als auch Übersetzungen aus dem Deutschen und Französischen (u. a. Monika Rinck, Ulf Stolterfoht, Frédéric Forte) erscheinen. Burning Deck sollte einer der einflussreichsten und innovativsten Kleinverlage für Poesie in den Vereinigten Staaten werden.

Buchveröffentlichungen [Auswahl]: A Windmill Near Calvary (University of Michigan Press, 1968) | The Garden of Effort (Burning Deck, 1975) | The Space of Half an Hour (Burning Deck, 1983) | Hegel’s Family (Station Hill, 1989) | Shipwreck In Haven (Awede, 1989) | The Opposite of Letting the Mind Wander (Lost Roads, 1990) | Light While There is Light (Sun & Moon, 1993) | The Locality Principle (Avec, 1995) | Analogies of Escape (Burning Deck, 1997) | The Silhouette of the Bridge [Memory Stand-Ins] (Avec, 105 buch_keith_waldrop_real_subject_inhalt_endfassung_druck_04.08.2025.qxp_Layout 1 04.08.25 7:29 PM Seit
1997) | Stone Angels (Instress, 1997) | Haunt (Instance, 2000) | Semiramis If I Remember [Self-Portrait as Mask] (Avec, 2001) | The House Seen from Nowhere (Litmus Press, 2003) | Several Gravities (Siglio, 2009) | Transcendental Studies: A Trilogy (University of California Press, 2009) | The Not Forever [Inventions] (Omnidawn, 2013).

Alexander Kappe, 1987 geboren in Berlin, ist Dichter, Übersetzer und Wissenschaftler. Auf das Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in Berlin folgte ein Studium des Literarischen Schreibens am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er hat in Berlin und Oxford promoviert. Gegenwärtig arbeitet er als literaturwissenschaftlicher Postdoktorand. 2023 erschien sein Lyrikdebüt nachreden auf dunkel-engel beim gutleut verlag, 2026 der zweite Band, ebenfalls bei gutleut. Er war Herausgeber verschiedener Anthologien. 2019 hat er die Zeitschrift Transistor – Zeitschrift für zeitgenössische Lyrik mitgegründet und war bis 2024 ihr Mitherausgeber. 2021 war er für den open mike nominiert, 2024 stand er auf der Shortlist vom Lyrikpreis München. Die Übersetzung von Keith Waldrops Lyrikband the locality principle wurde als Lyrikempfehlung des Jahres 2024 ausgezeichnet. 2025 erschien die Anthologie the opposite of seduction. german-language poetry since 2000, die er mitherausgibt und für die er auch übersetzt hat. In Kürze erscheint mit fleeting moons die Übertragung des ersten Gedichtbands des Autors Yevgeniy Breyger vom Deutschen ins Englische. Beide Projekte wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

Jan Kuhlbrodt, 1966 geboren in Karl-Marx-Stadt, ist Schriftsteller und Übersetzer. Er studierte politische Ökonomie an der Universität Leipzig sowie Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt am Main. Von 1997 bis 2001 absolvierte er außerdem ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Er war als Lehrer in einem Projekt für strafffällig gewordene Jugendliche und als Antiquar tätig. Von 2007 bis 2010 war er Geschäftsführer der Literaturzeitschrift Edit. An der Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn Bartholdy« Leipzig war er Lehrbeauftragter, am Deutschen Literaturinstitut Leipzig Gastprofessor. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Leipzig. Er ist Alfred-Döblin-Preisträger 2023, erhielt 2022 die Kestler-Haeusler-Ehrengabe und war Gewinner des Sächsischen Literaturpreis 2014. Er ist Mitglied im PEN-Berlin.
Jan Kuhlbrodt arbeitet als Lyriker, Prosaist und Essayist. 2023 erscheinen Schrift unter Tage. Essays und Kolumnen im Gans Verlag sowie der Roman Krüppelpassion oder vom Gehen, ebenfalls im Gans Verlag. Zusammen mit Jayne-Ann Igel gibt er die Reihe Neue Lyrik im Verlag Poetenladen heraus. Er ist Mitherausgeber und Mitübersetzer der beiden bereits vorliegenden Auswahlbände von Dichtungen Keith Waldrops (gravitationen 1 und gravitationen 2, 2017/2018 beim gutleut verlag in der Reihe staben).

Michael Wagener, geboren 1966 in Morsbach/Sieg, gestorben 2025 in Frankfurt, war Künstler, Gestalter, Autor sowie Herausgeber und Verleger. Er studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Germanistik an der Frankfurter Goethe-Universität und im Anschluss Bildhauerei und Fotografie an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main. Seit 1992 zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland. U. a. war er Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, erhielt 2002 das Munch-Stipendium, Oslo/Norwegen, und 2003 das Venedig-Stipendium des Deutschen Studienzentrums, Venedig/Italien. Er erhielt zahlreiche Förderungen und Preise, zuletzt 2020 den Sonderpreis des Hessischen Verlagspreis und 2021 den Deutschen Verlagspreis. 1997 gründete er den gutleut 15 ausstellungsraum in Frankfurt am Main, wo zahlreiche Ausstellungen internationaler Künstler, Konzerte, Lesungen und Performances stattfanden. Zunächst begleitend und dann als eigenständiges Projekt folgend 2002 den gutleut verlag, in dessen Programm er als Verleger, Herausgeber und Gestalter, Künstler und Autor unterschiedliche Bild-Text-Konzepte entwickelt und diese neu auslotet.

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