»ICH ERINNERE MICH, WIE MICH MEIN VATER NACH MEINER FRÜHESTEN KINDHEITSERINNERUNG FRAGTE, UND ICH IHM SAGTE: JA, ICH ERINNERE MICH AN DAS HAUS IN SOUTH NEOSHO (WO WIR WOHNTEN, ALS ICH IN DEN KINDERGARTEN GING), AN DIE OVALE SCHEIBE IN DER EINGANGSTÜR. ER LACHTE UND SAGTE, NEIN, DIE WAR DA NICHT. ER HIELT INNE UND WURDE PLÖTZLICH GANZ ERNST, UNMÖGLICH, DASS DU DICH DARAN ERINNERN KANNST. UND ER BEHAUPTETE, DIE OVALE SCHEIBE DER EINGANGSTÜR WAR NICHT IN DEM HAUS IN SOUTH NEOSHO, SONDERN IN DER TÜR EINES FRÜHEREN HAUSES, AUS DEM WIR AUSGEZOGEN WAREN, ALS DU EIN PAAR WOCHEN ALT WARST – ALSO DEM HAUS, IN DEM ICH GEBOREN WURDE.«
Den Abschluss der Waldrop-Trilogie bildet »Semiramis soweit ich erinnere«. Wenn Das Prinzip der Lokalität der Gedichtband der Ruhe und Der Umriss der Brücke der Gedichtband der Überschreitung ist, dann ist Semiramis der Gedichtband der Erinnerung. Semiramis ist eine altorientalische Heldin, die in verschiedenen griechischen, assyrischen, jüdischen und armenischen Quellen, aber auch bei Boccaccio oder in Dantes Göttlicher Komödie auftritt. Mal gilt sie als begnadete Baumeisterin und Erschafferin der Hängenden Gärten von Babylon, mal als Gründermütter der gesamten Stadt. Mal ist sie durch Intrigen zur Herrscherin geworden, nur um dann eine unerwartet gerechte Herrschaft auszuüben, mal überlistete sie ihre Gegner durch geschicktes Vortäuschen einer männlichen Identität. Die eine feste Haupterzählung des Lebens der Semiramis gibt es gleichwohl nicht; ihre unbestimmte, ja chimärische Position im kulturellen Gedächtnis erlaubt Keith Waldrop eine Aneignung besonderen Ausmaßes. Er katapultiert sie in die Gegenwart; auch in den Raum seiner inneren Gegenwart, der vollgestellt ist mit Masken, die aufzuziehen Erinnerungen auslöst, mit unbekanntem Ausgang. Das Selbstportrait als Maske, wie der Alternativtitel des Texts heißt, vollzieht sich durch das Hineinschlüpfen in einen Ballsaal mit seltsamer Ausleuchtung. »Die verärmteste Form des Doppelgängers ist ein Schatten«, schreibt Waldrop. Sich selbst portraitieren, sich selbst abbilden, sich selbst vollständig ausleuchten, das ist unmöglich – denn wir verfügen letztlich nicht über uns selbst. Nicht nur vor anderen, sondern vor uns selbst tragen wir Masken. Das Spielfeld verändert sich jedoch, wenn wir die Maske einer anderen Person tragen. In Semiramis vollziehen sich die Erinnerungen darum auch durch ihre Abwesenheit – Anwesenheit gibt es nur in Erinnerungsspuren. Verlorenen Menschen, verlorenen Gegenstände, eingebildeten Kindheitserinnerungen, vertauschte Rollen. Die eigene Erinnerungswelt nimmt der Autor als etwas in seine dichterischen Hände, das es nur noch als Legende mit Lücken gibt. Die Leerstellen in der Erinnerung fühlt und füllt die Fantasie.
Keith Waldrop, geboren 1932 in Emporia, Kansas, und 2023 gestorben in Providence, Rhode Island, war Dichter, Übersetzer, Künstler und Hochschullehrer. Er studierte an der Aix-Marseille Universität sowie an der Michigan Universität, wo er 1964 einen PhD in Vergleichender Literaturwissenschaft erwarb. Ab 1968 unterrichtete er an der Brown Universität, Providence. Im selben Jahr erschien sein erster Gedichtband A Windmill Near Calvary, der für den National Book Award nominiert wurde. Neben zahlreichen eigenständigen Lyrik- und Prosaveröffentlichungen (u. a. wurde sein Gedichtband Transcedental Studies: A Trilogy 2009 mit dem National Book Award in Poetry ausgezeichnet) übersetzte er mehrere französische LyrikerInnen, etwa Anne-Marie Albiach, Claude Royet-Journoud, Edmond Jabès und Charles Baudelaire, wofür ihm im Jahr 2000 der Ordre des Arts et des Lettres des französischen Kulturministeriums verliehen wurde. Seit 1971 zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen seines bildnerischen Werkes. Gemeinsam mit seiner Frau Rosmarie Waldrop gründete er 1961 den Verlag Burning Deck, bei dem sowohl experimentelle Lyrik aus den USA als auch Übersetzungen aus dem Deutschen und Französischen (u. a. Monika Rinck, Ulf Stolterfoht, Frédéric Forte) erscheinen. Burning Deck sollte einer der einflussreichsten und innovativsten Kleinverlage für Poesie in den Vereinigten Staaten werden.
Buchveröffentlichungen [Auswahl]: A Windmill Near Calvary (University of Michigan Press, 1968) | The Garden of Effort (Burning Deck, 1975) | The Space of Half an Hour (Burning Deck, 1983) | Hegel’s Family (Station Hill, 1989) | Shipwreck In Haven (Awede, 1989) | The Opposite of Letting the Mind Wander (Lost Roads, 1990) | Light While There is Light (Sun & Moon, 1993) | The Locality Principle (Avec, 1995) | Analogies of Escape (Burning Deck, 1997) | The Silhouette of the Bridge [Memory Stand-Ins] (Avec, 105 buch_keith_waldrop_real_subject_inhalt_endfassung_druck_04.08.2025.qxp_Layout 1 04.08.25 7:29 PM Seit
1997) | Stone Angels (Instress, 1997) | Haunt (Instance, 2000) | Semiramis If I Remember [Self-Portrait as Mask] (Avec, 2001) | The House Seen from Nowhere (Litmus Press, 2003) | Several Gravities (Siglio, 2009) | Transcendental Studies: A Trilogy (University of California Press, 2009) | The Not Forever [Inventions] (Omnidawn, 2013).
Alexander Kappe, 1987 geboren in Berlin, ist Dichter, Übersetzer und Wissenschaftler. Auf das Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in Berlin folgte ein Studium des Literarischen Schreibens am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er hat in Berlin und Oxford promoviert. Gegenwärtig arbeitet er als literaturwissenschaftlicher Postdoktorand. 2023 erschien sein Lyrikdebüt nachreden auf dunkel-engel beim gutleut verlag, 2026 der zweite Band, ebenfalls bei gutleut. Er war Herausgeber verschiedener Anthologien. 2019 hat er die Zeitschrift Transistor – Zeitschrift für zeitgenössische Lyrik mitgegründet und war bis 2024 ihr Mitherausgeber. 2021 war er für den open mike nominiert, 2024 stand er auf der Shortlist vom Lyrikpreis München. Die Übersetzung von Keith Waldrops Lyrikband the locality principle wurde als Lyrikempfehlung des Jahres 2024 ausgezeichnet. 2025 erschien die Anthologie the opposite of seduction. german-language poetry since 2000, die er mitherausgibt und für die er auch übersetzt hat. In Kürze erscheint mit fleeting moons die Übertragung des ersten Gedichtbands des Autors Yevgeniy Breyger vom Deutschen ins Englische. Beide Projekte wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.
Jan Kuhlbrodt, 1966 geboren in Karl-Marx-Stadt, ist Schriftsteller und Übersetzer. Er studierte politische Ökonomie an der Universität Leipzig sowie Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt am Main. Von 1997 bis 2001 absolvierte er außerdem ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Er war als Lehrer in einem Projekt für strafffällig gewordene Jugendliche und als Antiquar tätig. Von 2007 bis 2010 war er Geschäftsführer der Literaturzeitschrift Edit. An der Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn Bartholdy« Leipzig war er Lehrbeauftragter, am Deutschen Literaturinstitut Leipzig Gastprofessor. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Leipzig. Er ist Alfred-Döblin-Preisträger 2023, erhielt 2022 die Kestler-Haeusler-Ehrengabe und war Gewinner des Sächsischen Literaturpreis 2014. Er ist Mitglied im PEN-Berlin.
Jan Kuhlbrodt arbeitet als Lyriker, Prosaist und Essayist. 2023 erscheinen Schrift unter Tage. Essays und Kolumnen im Gans Verlag sowie der Roman Krüppelpassion oder vom Gehen, ebenfalls im Gans Verlag. Zusammen mit Jayne-Ann Igel gibt er die Reihe Neue Lyrik im Verlag Poetenladen heraus. Er ist Mitherausgeber und Mitübersetzer der beiden bereits vorliegenden Auswahlbände von Dichtungen Keith Waldrops (gravitationen 1 und gravitationen 2, 2017/2018 beim gutleut verlag in der Reihe staben).
Michael Wagener, geboren 1966 in Morsbach/Sieg, gestorben 2025 in Frankfurt, war Künstler, Gestalter, Autor sowie Herausgeber und Verleger. Er studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Germanistik an der Frankfurter Goethe-Universität und im Anschluss Bildhauerei und Fotografie an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main. Seit 1992 zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland. U. a. war er Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, erhielt 2002 das Munch-Stipendium, Oslo/Norwegen, und 2003 das Venedig-Stipendium des Deutschen Studienzentrums, Venedig/Italien. Er erhielt zahlreiche Förderungen und Preise, zuletzt 2020 den Sonderpreis des Hessischen Verlagspreis und 2021 den Deutschen Verlagspreis. 1997 gründete er den gutleut 15 ausstellungsraum in Frankfurt am Main, wo zahlreiche Ausstellungen internationaler Künstler, Konzerte, Lesungen und Performances stattfanden. Zunächst begleitend und dann als eigenständiges Projekt folgend 2002 den gutleut verlag, in dessen Programm er als Verleger, Herausgeber und Gestalter, Künstler und Autor unterschiedliche Bild-Text-Konzepte entwickelt und diese neu auslotet.





