wir ländern uns fort

Jayne-Ann Igel | Gedichte

Jayne-Ann Igels  erkundet beschädigte, entfremdete Landschaften, in denen Natur, Erinnerung und Sprache ihren festen Boden verlieren. Dabei wirken Igels Texte nicht resigniert, sondern suchen in der dichterischen Übersetzung verletzter Realitäten nach neuen Formen des Wahrnehmens, Sprechens und Weitergehens.


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Gutleut Verlag
Erscheinungstermin: 2022
Broschur
122 Seiten | 978-3-948107-34-5

 

 

 

28,00 

»SPRECHEN ÜBERTAGE // ICH WOLLT DICH NICHT ZEIHEN / WO DIE SPRACHE HERKOMMT, AUS GRÜNDEN, BLEIBTS STILL / ICH MAG DIE GESPENSTER NICHT, DER SCHNEE HAT ARABESKEN GEBILDET, AUF UNBEFESTIGTEN WEGEN, GLEICH ORAKELN, DIE WIR KAUM ZU ENTSCHLÜSSELN VERMÖGEN / LASS UNS GEHEN, ÜBER DEN FRISCH AUFGETRAGENEN TEER, UND WAS ZU SAGEN WÄRE, DURCH DIE KEHLE RINNEN –«

Nach umtriebe (2013), vor dem licht / umtriebe (2014), die stadt hielt ihre flüsse im verborgenen (2018) und alles lichter winter (2019/2020) erscheint nun mit wir ländern uns fort bereits der fünfte Band von Jayne-Ann Igel im gutleut verlag.

Oft ist im Band von etwas die Rede, das wir Landschaft nennen und das uns doch immer fremder wird, und sich selbst enteignet. In der Gegenwart, aber auch zu früheren Zeiten beobachtbar schon derselbe Prozess. Landschaften, die eher Behauptung von etwas sind. Was haben beispielsweise Bergbaufolgelandschaften noch mit dem Begriff von Landschaft gemein, wo Restlöcher mit Wasser oder Schutt verfüllt werden, die Straßen baumlose Alleen vorstellen. Wo Natur nur mehr in ihrer Verletzlichkeit wahrgenommen werden kann und das Festland nicht mehr den Halt zu bieten vermag, den das Wort suggeriert. Auf dem ersten Blick mögen solche Szenerien dystopisch wirken, das Schreiben darüber gar resigniert, doch der Konfrontation mit diesen Realitäten, der dichterischen ›Übersetzungsarbeit‹ eignet die Möglichkeit, anders damit umzugehen.

WAS SICH SCHREIBT // »VORHERRSCHEND DIE SIMPLIZITÄT VON EREIGNISSEN« SAGTE SIE, »DU KOMMST AUS DER UNÜBERSICHTLICHKEIT, UND ICH STEHE EINFACH HIER AN DER STRAßE UND ERWARTE DICH« –

Dass Jayne-Ann Igel sich mit solchen Fragen beschäftigt, ist nicht neu, doch aus einer größeren räumlichen und zeitlichen Distanz heraus eröffnen sich ungewohnte Perspektiven auf eine Region, die sie bis in die späten achtziger Jahre oft durchstreift hat, zu Fuß, in Bahn oder Bus, per Rad. Dieses sich erneute Annähern an Themen spielt auch in anderen Textgruppen im vorliegenden Band eine Rolle, in Zyklen wie Langes Gedicht, Spot und Fallen. Zyklen, in denen die Autorin Zivilisationsverlusten nachspürt, Fixpunkten der eigenen Biografie, oder Straßenszenerien aufscheinen lässt, Beziehungsmuster, alternierenden ›Ichs‹ Sprache verleiht. Tagesaktuelle Wahrnehmungen werden von Schichten an Erinnerung bereichert, Schichten, die sich übereinander legen, durchdringen.

»EINGELOGGT // SCHREIB ICH WEITER ODER LASS ICH ES BLEIBEN, DIESE ÜBERBORDENDEN SENDUNGEN, DIE EINEN BESINNUNGSLOS ZURÜCKLASSEN, SCHIFFSMELDUNGEN, WASSERSTANDSMELDUNGEN, PEGELSTÄNDE, DIE BESAGEN, OB WIR NOCH ÜBER WASSER MIT DEM KRAGEN, UND WAS ZU TUN IST, DAMIT … – DYNAMIT IN UNSEREN WORTEN, AUF DEN ZUNGEN, JEDES LICHT BEDENKT EIN ANDERES, SPRICHT, TÄGLICH IN DIESEM FIXRAUM VON BEKUNDUNGEN UND PAMPHLETEN, SCHON FRAGEN SICH DIE DIGITALEN SACHWALTER, WO UND WIE DAS ALLES ZU VERWAHREN, WO DER STILLRAUM FÜR ABGELASSENE DATEN, ABGESCHWORENE WORTE UND GESCHWÜRE, DIE INFEKTIÖS –«

Jayne-Ann Igel, geboren 1954 in Leipzig und 1995 nach Dresden übergesiedelt, absolvierte eine Lehre im Bereich wissenschaftliche Bibliotheken in Leipzig. Tätigkeit in der Deutschen Bücherei Leipzig und im Buchhandel. Nach einem Theologiestudium im Gesundheitswesen tätig. Ab Mitte der 1980er Jahre erste Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien (Jahrbuch der Lyrik, Sinn und Form, Temperamente …). Seit 1988 freiberufliche Schriftstellerin. Zusammenarbeit mit verschiedenen bildenden Künstlern (u. a. Detlef Schweiger, Erika Enders, Claudia Reh, Tobias Stengel). In den 1980er Jahren mehrere grafische Lyrik-Mappen im Selbstverlag. Beteiligung an Zeitschriften-Projekten im Samisdat. Seit den 1990ern auch Lektor- und Herausgeber-Tätigkeit, u. a. der Reihe Neue Lyrik beim Verlag Poetenladen. Ab den 1990er Jahren erhielt sie verschiedene Stipendien (Aufenthalte im LCB 1993, Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf 1995, Künstlerhaus Edenkoben 2007; Arbeitsstipendien des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst, des Deutschen Literaturfonds u. a.) und 2007 die Dr. Manfred Jahrmarkt-Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung 1859. der Reihe Neue Lyrik beim Verlag Poetenladen. Ab den 1990er Jahren erhielt sie verschiedene Stipendien (Aufenthalte im LCB 1993, Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf 1995, Künstlerhaus Edenkoben 2007; Arbeitsstipendien des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst, des Deutschen Literaturfonds u. a.) und 2007 die Dr. Manfred Jahrmarkt-Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung 1859.

Im Jahr 2026 wurde Jayne-Ann Igel mit dem Kunstpreis Berlin in der Sparte Literatur der Akademie der Künste ausgezeichnet. Die Autorin lebt in Dresden.

Veröffentlichungen: Poesiealbum 259, Verlag Neues Leben, Berlin 1989; Das Geschlecht der Häuser gebar mir fremde Orte, Gedichte, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1989; Fahrwasser. Eine innere Biographie in Ansätzen, Reclam Verlag Leipzig, Leipzig 1991; Ostberlin 1983 – 1986 (zusammen mit Barbara Köhler), Fotografien von Karin Wieckhorst, Connewitzer Verlags GmbH, Leipzig 1991; Brigitte Maria Mayer. Perfect Sisters (Bildband mit Text von Jayne-Ann Igel), Konkursbuchverlag Claudia Gehrke, Tübingen 1991; Ernst Jandl/Jayne-Ann Igel, Texte, Dokumente, Materialien. Peter-Huchel-Preis 1990, Elster Verlag Baden-Baden, Bühl-Moos 1991; Wiederbelebungsversuche. Gedichte und Resonanzen, Verlag un artig, Aschersleben 2001 (9. Ausgabe im Rahmen der Lesereihe Zeitzeichen im Grauen Hof); Unerlaubte Entfernung. Erzählung, Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein und Wien 2004; Traumwache, Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2006; Berliner Tat-Sachen, Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2009; Umtriebe, Gutleut Verlag, Frankfurt am Main 2013; Das Zündblättchen. Überelbische Blätter für Kunst und Literatur Nr. 64, mit Lineamenten von Detlef Schweiger, Edition Dreizeichen Meißen, 2014; Vor dem Licht/Umtriebe, Gutleut Verlag, Frankfurt am Main 2014; Schattenlicht in: Das fünfte Schock, zus.

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