wolken hinterm rollo

Jayne-Ann Igel | Gedichte

Jayne-Ann Igel erweist sich mit diesem Band als die Virtuosin des fließenden Gedichts. Ihre lyrische Welt kreist um drei Themen: Biografie, Landschaft, Geschichte. In fließenden Übergängen verschränkt sie diese drei Knoten, die zusammen gehören, die zusammen zu denken und zusammen zu empfinden aber Sprachenergie kostet.


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Gutleut Verlag
Erscheinungstermin: 2024
Broschur
92 Seiten | 978-3-948107-37-6

 

 

 

28,00 

»erste stunde nach mitternacht, so als zählte jede mir her, wie teuer sie wär‘, der mond getuscht, hinterm wäldchen, wolken, als ob sie jemand aquarelliert, wolken, die nichts in sich haben, nur ein wenig dunst, aus dem nicht einmal nebel entstehen kann/ die verhuschte gestalt zwischen geäst und gezweig, man wirft ihr vor, lautlos durch die landschaft zu ziehen, gefilde wohl eher, herausgefiltert aus bäumen, jeglichem bewuchs, grundstücken, flächen, wildgehege für durchreisendes gewölk –«

Jayne-Ann Igel ist die Virtuosin des fließenden Gedichts. Ihre lyrische Welt kreist um drei Themen: Biografie, Landschaft, Geschichte. In fließenden Übergängen verschränkt sie diese drei Knoten, die zusammen gehören, die zusammen zu denken und zusammen zu empfinden aber Sprachenergie kostet. Mit wolken hinterm rollo erscheint nun zum 70. Geburtstag der Autorin ein Band, der diese Themen mit einem Zentralmotiv versieht: dem Blick durch das Fenster. Sie imaginiert sich in Landschaften, die vertraut wie fremd erscheinen, ohne in ihr vorzukommen. Glas und Rahmen sind durchlässig, ermöglichen sensible Aufnahmen, trennen aber auch, machen zu teilnehmenden Beobachtern. Bei Jayne-Ann Igel ist das lyrische, sehende Auge weder in einem festen Subjekt noch im Gegenstand; es ist Teil der Landschaft. Empfinden an Schwellen, an Übergängen; ein melancholisches Aufwickeln, das beim Lesen berührt, sogar tief berührt, auch tröstet. Mal scheint die Bewegung ruhig, sanft registrierend. Mal greift sie in die Szenerie ein, findet Spuren des eigenen Lebens, Spuren der Geschichte wieder, pflanzt in die Landschaft ein, was hier sein sollte. Mal scheint es, als würde sie das Fenster auf der Schulter durch die Landschaft tragen, um es als zentrales Objekt für den zukünftigen Häuserbau einzusetzen; Gedichtemachen als Renovierung der Seele. Im Gedicht Abgeputzt heißt es: »schluß mit den staubverliesen / und räume noch mal neu: vermessen, durchmessen und erahnen, ist da was ziegelmäßig umbaut oder nur noch rußige mauer, die was scheidet, das unermesslich, reichtum nimmer, der putz ist runter, der eine oder andere ziegelzahn, rot, besticht, willst mit den fingern darüber gleiten, deine augen sehen ihn alt, als stoff, der nicht mehr gilt, in zeiten des grauen kunstgesteins, doch sande auch, die gasbetonziegel größer, damit man eher fertig, mit dem bau, der idee vom bau, das bauen vergißt, das worauf –«
Jayne-Ann nimmt die romantische Tradition des Fensterblicks auf. Eichendorff etwa sah im Gedicht Sehnsucht fasziniert auf sommernächtliche Berghänge emporsteigende, lebensfrohe Wanderer, begleitete sie mit Blicken und Gedanken. Caspar David Friedrichs Gemälde zeigte eine Frau am Fenster, die in eine geschlossene Offenheit zu sehen schien, und noch hundert Jahre später Dali faszinierte und zum Gemälde Junges Mädchen am Fenster stehend anregte. Jayne-Ann Igel bespielt diese Tradition mit der ihr eigenen Virtuosität, die wolken hinterm rollo zu einem weiteren Höhepunkt ihres einzigartigen lyrischen Schaffens macht.

Das Buch erscheint als Band 12 in der Reihe licht, bebildert mit Fotografien von Jayne-Ann Igel und Michael Wagener.

Jayne-Ann Igel, geboren 1954 in Leipzig und 1995 nach Dresden übergesiedelt, absolvierte eine Lehre im Bereich wissenschaftliche Bibliotheken in Leipzig. Tätigkeit in der Deutschen Bücherei Leipzig und im Buchhandel. Nach einem Theologiestudium im Gesundheitswesen tätig. Ab Mitte der 1980er Jahre erste Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien (Jahrbuch der Lyrik, Sinn und Form, Temperamente …). Seit 1988 freiberufliche Schriftstellerin. Zusammenarbeit mit verschiedenen bildenden Künstlern (u. a. Detlef Schweiger, Erika Enders, Claudia Reh, Tobias Stengel). In den 1980er Jahren mehrere grafische Lyrik-Mappen im Selbstverlag. Beteiligung an Zeitschriften-Projekten im Samisdat. Seit den 1990ern auch Lektor- und Herausgeber-Tätigkeit, u. a. der Reihe Neue Lyrik beim Verlag Poetenladen. Ab den 1990er Jahren erhielt sie verschiedene Stipendien (Aufenthalte im LCB 1993, Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf 1995, Künstlerhaus Edenkoben 2007; Arbeitsstipendien des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst, des Deutschen Literaturfonds u. a.) und 2007 die Dr. Manfred Jahrmarkt-Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung 1859. der Reihe Neue Lyrik beim Verlag Poetenladen. Ab den 1990er Jahren erhielt sie verschiedene Stipendien (Aufenthalte im LCB 1993, Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf 1995, Künstlerhaus Edenkoben 2007; Arbeitsstipendien des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst, des Deutschen Literaturfonds u. a.) und 2007 die Dr. Manfred Jahrmarkt-Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung 1859.

Im Jahr 2026 wurde Jayne-Ann Igel mit dem Kunstpreis Berlin in der Sparte Literatur der Akademie der Künste ausgezeichnet. Die Autorin lebt in Dresden.

Veröffentlichungen: Poesiealbum 259, Verlag Neues Leben, Berlin 1989; Das Geschlecht der Häuser gebar mir fremde Orte, Gedichte, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1989; Fahrwasser. Eine innere Biographie in Ansätzen, Reclam Verlag Leipzig, Leipzig 1991; Ostberlin 1983 – 1986 (zusammen mit Barbara Köhler), Fotografien von Karin Wieckhorst, Connewitzer Verlags GmbH, Leipzig 1991; Brigitte Maria Mayer. Perfect Sisters (Bildband mit Text von Jayne-Ann Igel), Konkursbuchverlag Claudia Gehrke, Tübingen 1991; Ernst Jandl/Jayne-Ann Igel, Texte, Dokumente, Materialien. Peter-Huchel-Preis 1990, Elster Verlag Baden-Baden, Bühl-Moos 1991; Wiederbelebungsversuche. Gedichte und Resonanzen, Verlag un artig, Aschersleben 2001 (9. Ausgabe im Rahmen der Lesereihe Zeitzeichen im Grauen Hof); Unerlaubte Entfernung. Erzählung, Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein und Wien 2004; Traumwache, Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2006; Berliner Tat-Sachen, Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2009; Umtriebe, Gutleut Verlag, Frankfurt am Main 2013; Das Zündblättchen. Überelbische Blätter für Kunst und Literatur Nr. 64, mit Lineamenten von Detlef Schweiger, Edition Dreizeichen Meißen, 2014; Vor dem Licht/Umtriebe, Gutleut Verlag, Frankfurt am Main 2014; Schattenlicht in: Das fünfte Schock, zus.

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